Die deutsche Pädagogin Kevser Muratovic mit einer Replik auf Sibylle Hamanns Forderung nach einem Kopftuchverbot in der Pflichtschule.

Als Verfechterin einer Kopftuchpause, konstatiere ich, genau wie Sie, dass alle relevanten Argumente hierzu etliche Male genannt worden sind. Die Quintessenz ist und bleibt: Selbstbestimmung der Frau und Kleidervorschriften schließen sich aus. Punkt. Eigentlich hätte das gereicht. Eigentlich…

…aber dann kam N. Ihre 19-jährige, syrische Bekannte – und alles veränderte sich schlagartig. Denn plötzlich wurde N.s Geschichte durch Sie zur alleinigen Repräsentantin der Wahrheit erhoben. Entgegen aller logischen Argumente, entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und vor allem auch entgegen der Erfahrung tausender Musliminnen, die sich für Selbstbestimmung und gegen Zwänge aussprechen.

Es ist diese Irrationalität, die das Kopftuch zu einem „Fetisch“ macht, zu einem magischen Symbol, um bei der Wortbedeutung zu bleiben; so magisch sogar, dass Sie als Feministin auf dem Kampfschauplatz Frauenkörper – einer begehrten Bühne patriarchaler Gesellschaften – als Unterstützerin des patriarchalen Systems Stellung beziehen. Man fühlt sich unwillkürlich an die iranische Frauenkörperpolitik erinnert: Frauenhaare als unzumutbare Provokation, die störende Männerblicke und Belästigungen hervorruft. Daher ein Kopftuchgebot; natürlich nur zum Schutze der Frauen. Dass diese Argumentationslinie mehr als nur absurd ist, wissen wir beide. Warum verfolgen Sie aber eben diese verquere Logik, wenn es um Musliminnen in Österreich geht?

Jugendliches Grenzgängertum & elterliches Gebärden

Wer entscheidet eigentlich, wessen Freiheit mehr wert ist als die Freiheit anderer? Und können wir in solchen Debatten wirklich die allgemeine rassistische und islamfeindliche Stimmung im Land ignorieren? Da macht es für Betroffene von antimuslimischem Rassismus keinen Unterschied, ob im Tenor der Kopftuchverbotsforderungen Ihre Forderung „nett gemeint“ ist.

Sie würden schließlich auch nicht auf die Idee kommen, Mädchen zu verbieten, blaue Haare, schwarzen Lippenstift, Hotpants, Piercings oder Tattoos zu tragen, weil es zu Hause deswegen Ärger gibt. Oder weil andere diese Art von Umgang mit dem Körper unpassend finden. Es gibt ganz offensichtlich tolerierte und tolerierbare Versuche jugendlichen Grenzgängertums und elterlichen Gebärdens.

Auch wenn Ihr Wunsch den Mädchen das Erwachsenwerden zu erleichtern, nachvollziehbar ist, muss ich Sie als Bildungswissenschaftlerin enttäuschen: innere Konflikte, Herausforderungen auf dem Weg der Selbstfindung, Generationenkonflikte, Streitigkeiten mit Peers, Schulprobleme, institutioneller sowie Alltagsrassismus verflüchtigen sich nicht, nur weil ein Mädchen – noch dazu unter Zwang – ihr Kopftuch ablegt. Vielfach dokumentiert sind nämlich bis dato ebenfalls Rassismuserfahrungen muslimischer Mädchen ohne Kopftuch und muslimischer Burschen.

Warum also reihen Sie sich dennoch unter diejenigen ein, die aus einer Überlegenheitsattitüde heraus, Frauen fortgesetzt vorschreiben möchten, was besser für sie ist? Das ist es nämlich, was aus ihrem Text tönt: eine Überlegenheitsattitüde. Symptomatisch für ein Feminismusverständnis, das die Deutung von Emanzipation für sich alleine und somit auch über Frauenkörper beansprucht. Sie möchten nämlich wissen, dass Mädchen mit Kopftuch „sich beim Sport nicht spüren“, „Nähe und Distanz nicht austesten“ und „keinen routinierten Umgang mit dem anderen Geschlecht“ entwickeln können. Ganz zu schweigen davon „den Wind durch die Haare“ spüren zu können. Abgesehen von der Lächerlichkeit, dienen derartige Bevormundungen dazu, den von Ihnen kritisierten Kopftuch-Fetisch ständig weiter zu reproduzieren.

Ein Ort, wo man sein kann, wie man möchte

Wenn es nun um die Aufgaben von Schule geht, so liegen diese darin, solche Themen und Konflikte aufzugreifen und im Rahmen eines demokratischen und diskriminierungsfreien Bildungsauftrags zu thematisieren: Was bedeuten Differenzen in einer heterogenen Gesellschaft? Warum fühlen sich manche davon gestört? Wie artikulieren sie das? Was sagt das Sich-Gestört-Fühlen über die eigene Person aus?

Genauso bereitet Schule Jugendliche auf eine plurale Gesellschaft und globalisierte Welt vor und erst so kann sie zu einem „Leo“ werden; ein Ort, an dem man so sein kann, wie man möchte, ohne verurteilt zu werden; ein Ort, an dem Konflikte nicht verschoben, sondern bearbeitet werden. Das geht allerdings nur, wenn Schulen entsprechende finanzielle und strukturelle Ressourcen dafür bekommen, also weitaus mehr als nur nett geframte Diskriminierung und nett gemeinte Befreiungszwänge. Von daher: Ja zu einer Kopftuchpause, aber bitte von allen Seiten!