In einem exklusiven Replik antwortet der Politikwissenschaftler Farid Hafez auf den in der Presse erschienenen Gastkommentar „Kampfbegriff Islamophobie“ von Helmut Pisecky.

Seit der Solidarisierung des Bundespräsidenten mit Frauen als von Islamophobie am meisten betroffene Subjekte ergehen sich Kritiker über ihn, von der Pop- über die Sport-Szene bis hin zur Politik. So auch Helmut Piseckys in seinem Gastkommentar „Kampfbegriff Islamophobie“.

Dabei wird fundamental kritisiert, dass alleine die Verwendung des Begriffes höchst problematisch sei, weil es sich um einen Kampfbegriff der Islamisten handeln würde, die die jedwede Kritik am Islam sowie am politischen Islam abwürgen würde. Die Folgerung liegt darin, diesen als pseudowissenschaftlich benannten Begriff „aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen“. Meine Replik versteht sich als Antwort nicht nur auf diesen konkreten Gastkommentar, sondern als Antwort auf eine Vielzahl ähnlich argumentierender AkteurInnen, die sich in den letzten Wochen lautstark ähnlich äußerten.

Zum einen zeigt sich in diesen Stellungnahmen eine gehörige Portion Uninformiertheit. Brauchbare Definitionen zur Untersuchung von Islamophobie gibt es unzählige, je nach akademischer Disziplin. Es lässt sich vor dem Hintergrund der Vielzahl an wissenschaftlichen Periodika, Forschungsprojekten, vereinzelten sowie regelmäßigen Konferenzen in der Zwischenzeit von einer Islamophobieforschung sprechen, die insbesondere an der University of California, Berkeley, Georgetown University in Washington DC sowie hier in Österreich betrieben wird. Die unterschiedlichen Schulen der Islamophobieforschung reichen dabei von der Vorurteilsforschung über postkoloniale und kritisch Rassismusforschungsansätze bis hin zu dekolonialen Ansätzen. Rezipiert wird das in der deutschsprachigen Öffentlichkeit kaum.

Hafez: Definition statt Semantik

Die Pathologisierung, die semantisch im Begriff der Islamophobie enthalten ist, ist in der akademischen Debatte beinahe unsichtbar. Das hat damit zu tun, dass Begriffe im Wesentlichen nicht auf ihre Semantik sondern ihre Theoretisierung und Definition verstanden werden. Das sehen wir an einem verwandten Phänomen, nämlich dem Antisemitismus. Rein sprachlich ist er völlig unsinnig. Aber wie der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, im Rahmen seiner Abschlussvorlesung sagte: Wir wissen alle, was wir damit meinen.

Wenn nun Politiker wie Tayyib Erdogan Islamophobie verwenden, um Kritik an der EU zu üben, so ist das ebenso wenig zu verhindern, wie wenn Netanjahu die EU wegen Antisemitismus kritisiert. Nur hat das weniger mit Islamophobie und Antisemitismus zu tun, sondern mit den jeweiligen politischen Akteuren. Würden wir diese Argumentation jener, die den Begriff verbannen wollen (nebenbei, aber nicht weniger unbedeutend: eigenartige Haltung in einer Demokratie!) weiterspinnen, so ließe sich der Begriff der Demokratie nicht mehr verwenden, weil die Regierung Bush I in den Irak einmarschierte, um Demokratie zu verbreiten. Daran zeigt sich die Unsinnigkeit dieser Argumentation.

Farid Hafez ist derzeit Fulbright-Professor an der University of California in Berkeley. Er forscht und lehrt an der Universität Salzburg und gibt seit 2010 das Jahrbuch für Islamophobieforschung heraus.