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BFF-Bonn: "Wir sehen uns nicht als Opposition"


In Deutschland kam es jüngst bei den Kommunalwahlen in Bonn zu einer großen Überraschung. Erstmals in der Geschichte zieht eine muslimische WählerInnengemeinschaft in den Stadtrat ein. Zwei Mandate konnte das Bündnis für Frieden & Fairness, kurz BFF, erlangen. In einem exklusiven KISMET-Interview spricht Spitzenkandidat Haluk Yildiz über den Wahlerfolg und zukünftige Ziele.

KISMET: 2,11% bedeuten zwei Sitze im Bonner Stadtrat. Haben Sie mit einem derartigen Erfolg gerechnet?

Haluk Yildiz: Ehrlich gesagt, jein. Denn es war das erste Mal in Deutschland, dass eine neue Wählergemeinsachaft, die sich explizit aus Muslimen zusammensetzt, auch noch sehr kurzfristig gegründet, an den Kommunalwahlen teilnahm. Wir hatten gerade mal fünf Wochen Zeit Wahlwerbung zu machen, uns und unsere Ziele vorzustellen. Dann kamen die Sommerferien hinzu, so dass wir eigentlich nur zwei Wochen Zeit hatten, potenzielle Wähler zu erreichen. Die Tarawih-Gebete (Gemeinschaftsgebete am Abend; Anm. der Redaktion) im Ramadan und unsere gezielte Wahlwerbung sowie unsere Kandidaten, die sich zu 50% aus den Mitgliedern des Rats der Muslime in Bonn zusammensetzten, haben uns zum Ziel verholfen. Ziel war ein bis drei Kandidaten in den Stadtrat zu bekommen. Und zwei haben wir geschafft.

KISMET:Was war der Beweggrund für eine muslimisch-orientierte Partei?

Yildiz: Zunächst einmal sind wir eine Wählergemeinschaft, die sich aus Muslimen zusammensetzt und keine Partei. Muslime deswegen, weil wir durch die dreijährige erfolgreiche Ratsarbeit ein eingespieltes Team sind. Vertrauen ist vorhanden, gemeinsame Ziele sind vorhanden und der Weg war uns auch klar. Und zwar, dass wir Muslime eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen. Wir wollen zeigen, dass Muslime, die in Bonn leben, ein Teil dieser Gesellschaft sind, die sich durchaus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind und durch ihre Teilnahme am Meinungsbildungsprozess einen Beitrag zur Verbesserung gesellschaftspolitischer Entwicklungen leisten können, dass jedermann zugute kommen kann.

KISMET: Mit 56,04% lag die Wahlbeteiligung – aus österreichischer Sicht - auf einem durchschnittlichen Niveau. Wie schwer war es muslimische MitbürgerInnen zur Wahl zu mobilisieren?

Yildiz: Wir haben durch unser Engagement erfolgreich bewiesen, dass es möglich ist, muslimische MitbürgerInnen zur Wahl zu mobilisieren. Denn die Wahlbeteiligung vor fünf Jahren lag bei 55,82%. Das aktuelle Ergebnis von 56,04% ist immerhin eine geringfügige Steigerung.

KISMET: Was sind nun die nächsten Schritte? Welche politischen Ziele wollen Sie in dieser Legislaturperiode umsetzen?

Yildiz: Die nächsten Schritte sind erstmal auf alle politischen Gruppen im Stadtrat zuzugehen und ihnen klar zu machen, dass wir uns nicht als Opposition, sondern als Kooperationspartner verstehen. Denn es gibt einige Schnittmengen mit den politischen Vorstellungen diverser Parteien, die sich mit unseren Zielen vereinbaren. Besonders einsetzen möchten wir uns im Stadtrat für den Frieden und Dialog in unserer Gesellschaft sowie Gerechtigkeit in allen Bereichen des Lebens. Unsere Ziele sind in erster Linie die interkulturelle Jugendarbeit zu fördern, benachteiligten Frauen und sozial Schwachen eine Stimme zu geben, die Integration gerechte fördern, gegen Diskriminierung und Rassismus einstehen und die Belange der muslimischen Community in Bonn zu kommunizieren.

KISMET: Mit Hülya Dogan zieht auch erstmals eine Frau mit Kopftuch in einen deutschen Stadtrat ein. Welche Reaktionen erwarten Sie im Stadtrat bzw. auf offener Straße?

Yildiz: Eine Stadtverordnete mit Kopftuch in einem deutschen Stadtrat wird sicherlich bei vielen Verordneten aber auch bei vielen Menschen in der Gesellschaft diverse Reaktionen hervorrufen. Das ist auch gut so. Denn dann entsteht Diskussionsbedarf. Und wenn es uns durch unsere konstruktive Arbeit im Stadtrat und in der Gesellschaft gelingt, dass das Kopftuchtragen das friedliche Zusammenleben und positive Entwicklungen in der Gesellschaft nicht verhindert, dann wird dieses Thema nicht mehr im Vordergrund stehen. Es muss endlich zur Normalität in unserer offenen, pluralistischen Gesellschaft werden. Dieser Prozess wird auf jeden Fall sehr spannend sein.

KISMET: Bleibt das BFF eine Ausnahme in Deutschland oder werden ähnlich politische Bewegungen folgen?

Yildiz: Ich denke, dass ähnliche lokale, regionale Bewegungen entstehen werden, je nach Zusammensetzung der jeweiligen Gesellschaft. Mal Interkulturell, mal interkonfessionell, mal nur muslimisch. Und alles ist gut. Denn Vielfalt ist Reichtum!

KISMET: Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen für KISMET stellte Karim Saad.

 

06.09.2009 | E-Mail an die Redaktion

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