Kritik an "Die Presse" unerwünscht?
Kurz nach der Gemeinderatswahl in Wien veröffentlichte Erich Kocina einen umstrittenen Gastkommentar über die SPÖ-Kandidatin Gülsüm Namaldi. Eine Reaktion der Politikerin wurde nicht abgedruckt. (Bild: Team Namaldi)
Erich Kocina unterstellte der erfolgreichsten Vorzugsstimmenkandidatin (5.601 Stimmen) in seinem Kommentar "Wir brauchen mehr moderate Muslime in der Politik" "streng konservative Vorstellungen" und bezeichnete sie als ähnlich "abschreckend" wie FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz. Ein umfangreiches Replik von Gülsüm Namaldi wurde von "Die Presse" abgelehnt. Lediglich eine stark gekürzte Leserinnenbriefvariante würde die Zeitung drucken. Lesen Sie im folgenden die Antwort der SPÖ-Politikerin:
Replik auf Erich Kocinas Leitartikel “Wir brauchen mehr moderate Muslime in der Politik” (erschienen in “Die Presse” am 13.10.2010)
4793 Stimmen erhielt ich durch meinen Vorzugsstimmenwahlkampf. Damit bin ich unter den Top Five. Und was noch wichtiger ist: Mit diesem Direktvotum erhielt ich die meisten Stimmen unter allen Frauen. Mehr als die beiden Parteivorsitzenden Vassilakou und Marek. Und die erfolgreichste sozialdemokratische Kandidatin! Das findet keine Erwähnung im besagten Artikel.
Vielmehr bemängelt er das politische Engagement “aus der religiösen Ecke”. Und fährt fort, Herrn Schakfeh zu zitieren und ihn mit mir in Verbindung zu setzen. Die Beschreibung meiner Person als “Kandidatin mit streng konservativen Vorstellungen” grenzt an Absurdität! Woher nimmt sich ein Mann, der für ein bürgerlich-rechtsliberales Blatt schreibt, das Recht, mir konservative Vorstellungen zu unterstellen?
Was für ein Paradoxon! Genau das ist der Kampf der Feministinnen, der de facto keine Anerkennung findet: Weg mit dem Diktat der Fremdbestimmung durch den autoritären Mann! Gerade meine Positionen sind sogar manchen meiner ParteikollegInnen zu links; die Forderung nach positiver Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund etwa. Der Vergleich mit der Vize-Parteiobfrau Rosenkranz, einem Kellernazi, ist ein Skandal! Als wäre ich das militant-kommunistische Pendant zum Rechtsradikalismus.
Der Autor will mehrheitsfähige KandidatInnen aus dem muslimischen Eck. Das ist per se bereits ein Widerspruch zum Anspruch, dass das “muslimische” in den Hintergrund geraten soll (wo ich dem Autor auch zustimme). Herr Apfl vom Falter hat völlig korrekt festgehalten, dass ich mich mehr mit dem Kopftuchthema auseinandersetzen muss, weil große Teile der Gesellschaft noch immer nicht den Kopf hinter dem Tuch erkennen können, v.a. Männer mit konservativer Weltanschauung. Und wie sehen dann “mehrheitstaugliche” KandidatInnen aus? So wie die konservative Kandidatin Ekici, die nach 10 Jahren Politik gerade einmal 105 Stimmen auf sich bringen konnte und sich in ihrer Partei als “faule Sau” und “Scheiß-Türkin” beschimpfen lassen muss? Verschließen wir ruhig weiter die Augen vor der Realität.
Was der Autor auch nicht zu wissen scheint, ist, dass ich viele UnterstützerInnen hatte, die nicht mein Religionsbekenntnis teilen. Ein nicht minder zu schätzender Teil meiner WählerInnen hat mich dezidiert nicht wegen meines Kopftuches oder meines religiösen Bekenntnisses gewählt. Sie haben mich gewählt, weil ich als Gegenthese zur FPÖ die Vielfalt und Diversität in unserem Wien widerspiegle, die unseren Alltag so sehr prägt.
Denn die Gesellschaft muss sich in der Politik widerspiegeln. Ja. Ein großer Teil meiner UnterstützerInnen hat mit Sicherheit einen Migrationshintergrund. Und das ist auch gut so. Denn diese Menschen haben nun Personen, die sie als Verbindungsglied zur Politik ansprechen können. Das ist Integration. Genau so wie eine Frauensprecherin oder ein Jugendsprecher die jeweils spezifischen Interessen vertritt, so ist es mein Anspruch, die Interessen von Menschen mit Migrationshintergrund im Rahmen der Interessen der Gesamtgesellschaft zu vertreten. Das Problem ist, dass die rechten Diskurse so weit in die Mitte der Gesellschaft gerückt sind, dass wir solche Selbstverständlichkeiten nicht mehr zu denken imstande sind. Der griechische Philosoph Heraklit sagte einst: “Alles fließt und Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss.” Unsere Gesellschaft verändert sich. Die Konservativen wollen das nicht erkennen. Und gegen diesen Konservativismus kämpfe ich.
| 22.10.2010 | E-Mail an die Redaktion |





