KISMET folgen KISMET folgen  |   Fan werden Fan werden  |   RSS abonnieren  |  Über KISMET  |  Kontakt  |  Impressum   |  Bookmark and Share
Sie befinden sich hier:  Startseite / News / Kultur

Basogul: "Ich sei eine Ausnahme"


In ihrer Diplomarbeit "Cover/Discover – Eine visuelle Annäherung" arbeitet Seren Basogul ihre Erfahrungen mit dem Kopftuch künstlerisch auf. Im Interview mit KISMET Online erzählt sie über die Hintergründe ihrer Arbeit und wirft einen Blick in die Zukunft.

KISMET Online: Bitte stellen Sie sich kurz vor…

Seren Basogul: Aktuell bin ich freiberuflich als Diplom-Designerin tätig. Ich bin Tochter türkischer Einwanderer und hatte, bis zu einem bestimmtem Zeitpunkt in meinem Leben, den Vorteil keiner maßgeblichen Diskriminierung zu begegnen. Das verdankte ich meinen Genen, die mit meinem hellen Typ und blaugrünen Augen so gar nicht „typisch türkisch“ zu sein scheinen. Um eine „richtige“ Türkin zu sein, fehlten mir anscheinend die schwarzen Haare, die dunklen Augen sowie die dunkle Hautfarbe. Und zum Muslimsein das Kopftuch.

Erst zu Beginn meines Studiums begann ich das Kopftuch zu tragen. Es schien mir ein guter Zeitpunkt zu sein, da eine neue Phase meines Lebens beginnen sollte, in der mich die Menschen von Anbeginn mit Kopftuch kennenlernen sollten. Damit wollte ich zumindest die Fragen verringern, ob ich beispielsweise zwangsverheiratet wurde. Ich war dieselbe und sah auch die Welt mit denselben Augen. Doch meine Umwelt sah nicht mich, sondern nur noch dieses Stück Stoff auf meinem Kopf. Es steckt ganz schön viel Arbeit darin Vorurteile abzubauen. Denkmuster zu ändern ist anstrengend. Erschreckend für mich war, dass die meisten Menschen, die ich kennenlernte, vor mir mit keiner anderen Muslima oder einem Muslim geredet hatten. Immer wieder hörte ich, dass ich „eine Ausnahme“ sei. Um diese Meinung zu untermauern, sollte man dann doch mehr als einen Muslimen kennen lernen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit ihrer Diplomarbeit?

SB: All diese Erfahrungen wollte ich in meiner Diplomarbeit „Cover/Discover – Eine visuelle Annäherung“ verarbeiten. Die Erarbeitung meiner Abschlussarbeit war ein langer und schwieriger Weg. Für mich ist Design nicht „schön-machen“. Mein Anspruch war es, ein Thema zu erarbeiten, dass einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellt. Meine persönliche Antwort auf die Kopftuchdebatte, die von den Medien (an)geführt wird. Es ist an der Zeit, dass die Menschen in unserer Gesellschaft sich ein eigenes Bild machen und nicht nur kritiklos die vorgefertigte Meinung der Leitmedien übernehmen. Das Kapitel „Stereotypen“ beinhaltet sechs Portraitserien, die eine stufenweise Veränderung des Erscheinungsbildes realer Personen zeigen.

Zu sehen sind sechs Frauen, die in Deutschland leben, jedoch unterschiedlicher Herkunft sind. Jede Person wird mit verschiedenen Kopfbedeckungen innerhalb einer Serie gezeigt, wobei eine Vergrößerung der Bedeckungsfläche zu erkennen ist. Der sich nicht wechselnde Hintergrund, aber auch die gleichbleibende Kleidung, sowie der fortwährend neutrale Gesichtsausdruck betonen den Wandel und den Wechsel zwischen den Stereotypen innerhalb der Serie. Die äußerliche Veränderung der einzelnen Person innerhalb einer Serie und die damit einhergehende Veränderung der Wirkung auf den Betrachter und konsekutiv dessen subjektive Interpretation, sollen den Betrachter anregen, bestimmte Denkmuster einer Prüfung zu unterziehen und aufzeigen, dass vieles komplexer ist, als es scheint.

Verinnerlichte Schemata, Gedankengänge, die sich automatisiert unter gewissen Voraussetzungen abspielen, kristallisieren sich heraus. Der Betrachter sollte sich seiner eigenen Urteilsbildung und dessen Veränderlichkeit bewusst werden. Wie kann ein und dasselbe Objekt so konträre Interpretationen hervorrufen? Liegt es im Auge des Betrachters oder an der Inszenierung des Objekts?

Worin liegt ihrer Meinung nach die Problematik mit dem sichtbaren Kopftuch in der europäischen Gesellschaft?

SB: Der Gedanke, seine Schönheit und die weiblichen Reize zu verdecken ist befremdlich. Sich darüber und damit zu profilieren scheint naheliegender. Zumal durch die Konsumwelt suggeriert wird, dass dies essentiell ist. Die Menschen stehen unter dem Druck Schönheitsidealen gerecht werden zu müssen. Doch man lenkt sein Augenmerk lieber auf die Frauen, die gläubig motiviert ihre Reize verhüllen. Immer wieder ist von unterdrückten muslimischen Frauen die Rede, die dazu gezwungen werden, dass Kopftuch zu tragen.

Ich kenne keine Einzige, die von ihrem Kopftuch befreit werden möchte. Empathisch mit diesem Thema umzugehen bedeutet nicht das man selber auch ein Kopftuch tragen würde. Vielmehr bedeutet es, dass man endlich versteht, dass diese Frauen sich mit ihren verschiedenen Tüchern wohl fühlen und das die Abhalten davon eine Unterdrückung wäre. Auf die politische Instrumentalisierung möchte ich gar nicht erst eingehen.

Gibt es bereits Orte wo Sie ihre Bilder ausstellen?

SB: Am 15.5. hatte ich im Rahmen der Veranstaltung „Tag der Integration“ der Stadt Aachen eine kleine Ausstellung, bei der ich die Stereotypserien „Sarah“ und „Irem“ gezeigt habe. Meine nächste Ausstellung folgte am 28. und 29. Mai 2011, im Rahmen der Eurode Kunstroute 2011. Sie fand im Eurode Business Center statt, das genau an der Grenze zwischen dem niederländischen Kerkrade und dem deutschen Herzogenrath gebaut ist, wo auch schon die niederländische Königen Beatrix vor wenigen Wochen bei Ihrem Deutschlandbesuch empfangen wurde.

Dort präsentiere ich die Portraitserien „Burcu“, „Katherina“ und „Sarah“. Weitere Ausstellungen sind in Planung, jedoch stehen noch keine Termine fest. Gerne stelle ich mein Ausstellung zur Verfügung. Eine Arbeit über „Schubladendenken“ sollte nicht in der Schublade liegen bleiben.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie gehen wir 2020 mit dem Kopftuch in Europa um?


SB: Das ist schon in neun Jahren. Genug Zeit viele muslimische Frauen anzusprechen, um sich ein eigenes Bild davon zu machen, was in ihren Köpfen abgeht, statt nur zu schauen, was sie auf dem Kopf tragen.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!


(red)

 

02.06.2011 | E-Mail an die Redaktion

Ihr Name




Bitte beantworten Sie diese kleine Rechenaufgabe (Schutz vor SPAM und Werbekommentaren)

Das Ergebnis aus:     =  





E-Mail

Format

Ameen Hands
MarocZone - das marokkanisch arabische Netzwerk
waymo - Jugendplattform
islam.de - Deutschlands größte Islam-Plattform
Drucken | Powered by Koobi:CMS 7.24 © dream4®
KISMET ist ein österreichisches Nachrichtenmagazin zu den Themen Islam und Muslime/Musliminnen.