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Kampf der Emotionen


Die Kritik auf sein Buch hat sich der französisch-stämmige Politikwissenschaftler bereits vorbeugend aus den Segeln genommen. „Vermutlich unwissenschaftlich abtun“ werden die meisten Politikwissenschafter und Experten internationaler Beziehungen den Versuch Moisis‘, „die Welt und das kollektive Verhalten der Nationen unter dem Aspekt gewisser Emotionen zu verstehen“.

Dominique Moisi, welcher Politische Wissenschaft u.a. an der Harvard University lehrt, wollte mit seinem Buch „Kampf der Emotionen“ den Versuch starten, eine neue Weltkarte der Geopolitik zu zeichnen. Dass er mit seiner Theorie einen Paradigmenwechsel nach dem „Kampf der Kulturen“ Huntingtons herbeizuführen versucht, offenbart die deutsche Übersetzung seines englischen Originals, das sein Werk noch als „Geopolitics of Emotions“ betitelt. Dabei will er aber keine allumfassende Theorie der Weltpolitik aufstellen, als vielmehr „ein Korrektiv zu den vereinfachten Anschauungen liefern, die allzu oft den Diskurs beherrschen“.

Konkret spricht er sich dabei gegen die Thesen Fukuyamas und Huntingtons aus. Sein Buch soll die emotionalen Dimensionen der Globalisierung vermessen. Gegen eine konstatierte Subjektivität bei der Wahrnehmung von Emotionen seitens der vorherrschenden positivistischen Schule im Bereich der Internationale Beziehungen spricht sich der Autor bewusst aus. Dagegen wendet er ein, dass auch alle anderen „objektiven Faktoren“ im Bereich Internationaler Politik äußert vage seien. Moisi meint aber, dass Emotionen Einstellungen von Menschen widerspiegeln, die sich auch auf das Verhalten von Nationen auswirke.

Kultur der Angst greift um


Dabei sind es für Moisi drei grundlegende Emotionen, die er derzeit in der Weltpolitik verzeichnet. Seine Grundannahmen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Nicht Ideologie, sondern die Identitätssuche steht im Mittelpunkt des Interesses von Menschen. Das beinhaltet nicht nur die Frage, wer mensch ist, sondern auch, wo mensch seinen bzw. ihren Platz in der Welt findet und wie sich die Zukunft gestalten soll. Die drei Emotionen, die die Politik von heute leiten, sind nach Moisi Angst, auch definiert als die „Abwesenheit von Selbstvertrauen“, Hoffnung und Demütigung. Hoffnung, definiert als „Vertrauen in die eigene Identität und Fähigkeit, mit der Welt in einen gelingenden Austausch zu treten“ sieht der Autor in „Asien“, womit im Wesentlichen China und Indien gemeint sind. Japan stehe dabei am Prüfstein.

Die Kultur der Demütigung, definiert als Gefühl der Ohnmacht, sei v.a. in der arabischen Welt vorzufinden. Ausnahmen sieht er hier in der Golfregion, in denen er eine kulturelle Erneuerung verortet. Die Kultur der Angst sieht der Autor in Europa, wo er die Wahrnehmung der Verwundbarkeit und des relativen Bedeutungsverlustes im Zentrum der Identitätskrise Europas beobachtet. Während er Angst als eine gewisse natürliche Veranlagung sieht, meint er, dass zu viel Angst, wie sie gegenwärtig in Europa verbreitet würde, Europa schaden würde.

Wie geht es weiter?


Auch in den USA sieht er die Kultur der Angst um sich greifen, jedoch mit nuancierten Unterschieden zu Europa. Hier geht es um den Verlust der moralischen Überlegenheit, den Verlust der Zielstrebigkeit und den Verlust als Weltmacht. Als Medizin verschreibt Moisi dem Westen mehr Ausgewogenheit, eine größerer Zurückhaltung der Vereinigten Staaten und ein stärkeres Engagement Europas. Als Grenzfälle, in denen die drei Emotionen gleichsam stark vorhanden sind bzw. in einem komplizierten Verhältnis gemeinsam ringen, betrachtet der Autor Russland, den Iran und Israel, sowie die beiden Kontinente Afrika und Südamerika. Hier ist anzumerken, dass der Autor in all seinen Begrifflichkeiten stets den Versuch unternimmt, nicht zu verallgemeinern und die Lage dieser Regionen möglichst differenziert wahrzunehmen.

In einem letzten Kapitel will der Autor zwei Zukunftsszenarien der Welt, wie sie 2025 aussehen könnte, aufzeigen. Mit etwas Übertreibung, aber vor dem Hintergrund, diesen absoluten Ausprägungen Abhilfe zu verschaffen, gibt der Politikwissenschafter, dessen Buch auf einem Artikel im Foreign Affairs basiert und heute kontroversiell diskutiert wird, Möglichkeiten der Heilung mit.

Dominique Moisi: Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen. DVA Verlag. 2009


 

22.10.2011 | E-Mail an die Redaktion

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