Das Leben des Kemal Atatürk
"Sollte ich eines Tages großen Einfluss oder Macht besitzen, halte ich es für das Beste, unsere Gesellschaft schlagartig-sofort und in kürzester Zeit -zu verändern." Am 16.Juni 1918 schrieb Mustafa Kemal Atatürk diese Worte in seinem Tagebuch, das "er während seines Kuraufenthalt in Karlsbad führte."
Atatürk war fest entschlossen, wie er seinem Tagebuch anvertraute, im Falle der Macht die notwendigen Reformen ebenso schnell wie kompromisslos durchzusetzen. Atatürk blieb seinem Vorsatz treu und führte tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch, die die Türkei in einen modernen, säkularen und europäisch orientierten Staat verwandelten : 1924 wurde das Kalifat abgeschafft; 1926 kam das bürgerliche Gesetzbuch nach Vorbild der Schweiz, das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht folgten kurze Zeit später. Mit dem türkischen Code civil trat das westliche Eheschließungs- und Scheidungsrecht in Kraft; der Schleierzwang wurde abgeschafft, 1933 erhielten die Frauen aktives und passives Wahlrecht; seit 1925 wurden alle Staatsbürger gezwungen, westliche Kleidung zu tragen.
Mustafa Kemal war der Begründer der Türkei und erster Präsident der nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Republik. Er wurde " im Januar 1881 [...] geboren und "verbrachte seine Kindheit und die ersten Schuljahre in Selanik (Thessaloniki) " mit seiner Mutter Zübeyde und Schwester Makbule. Sein Vater Ali Riza starb im Jahre 1888. "Während Mustafa bis 1895 die Militärschule besuchte dann an das Militärgymnasium nach Bitola wechselte, heiratete Zübeyde ein zweites Mal." "Noch vor dem Wechsel [...] nahm Mustafa auf Rat seiner Mathematiklehrers [...] wegen Verwechselbarkeit "zusätzlich den Namen Kemal an.“ Später kam "der Titel Pascha hinzu, noch später die [...] Bezeichnung Ghazi [...], aber erst mit dem vom Parlament 1934 in Ankara empfohlenen Familiennamen Atatürk war die Unverwechselbarkeit vollkommen."
"Die Abschlussprüfung bestand Mustafa Kemal [...] als Fünftbester seines Jahrganges [...] im Jahr 1905 und "wurde in den Rang eines Oberleutnants im Generalstab erhoben." Nun aber wurde Mustafa Kemal fernab der politischen Brennpunkte auf einen Außenposten in Damaskus abkommandiert. Er war "enttäuscht darüber, jeden unmittelbaren Kontakt zu den Jungtürken[...]in Thessaloniki zu verlieren, die sich während der Jahre von 1890 bis zum Jahr der jungtürkischen Revolution 1908 immer wieder mit politisch engagierte Militärs Abdulhamid 2. und sein [...] Regime stürzen wollten. In Damaskus lud der ehemalige Offiziersschüler aus Istanbul zu Diskussionsabenden ein und kam in Kontakt mit einem Anhänger der oppositionellen Jungtürken, der an einem gescheiterten Attentat auf Sultan Abdülhamid II. beteiligt gewesen war.
„Einer der Teilnehmer führte einen versteckt liegenden Laden mit den von der osmanischen Zensur verbotenen Schriften französischer Klassiker“. Mustafa Kemal wurde nach der missglückten Unternehmung im Gefängnis festgehalten bis man ihn nach Syrien verbannte. Er gründete die revolutionäre Geheimorganisation Vaterland und Freiheit, für die er in Jerusalem, Jaffa und Beirut weitere Mitglieder anwarb. Der Kommandant Ahmet Bey gewährte ihm eine geheime Reise nach Thessaloniki, wo er „eine Zweigstelle „der Gesellschaft für Vaterland und Freiheit“ gründete.“ Letztendlich wurde er nach Makedonien versetzt. Doch auch das verschaffte ihm keinen Eintritt in den Führungszirkel des jüngtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt.
Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 „wurde Mustafa Kemal […] in drei Regionen geschickt, in denen schwere militärische Einsätze zu bewältigen waren: 1911 nach Libyen sowie 1912 und 1913 auf den Balkan.“ Mit Beginn des Ersten Weltkriegs schloss das osmanische Reich einen Vertrag mit Deutschland gegen die Allierten. Im Januar 1916 versetzte man Mustafa Kemal nach Edirne. Ende Februar 1916 wurde er mit seinen Einheiten zur Verstärkung der 3. Armee an die anatolische Ostfront verlegt. Für seine Verdienste bei der Verteidigung Gallipolis erhielt er nachträglich die Beförderung zum General, verbunden mit dem Ehrentitel Pascha. Im Jahre „1918 bekam er die Nachricht, dass Sultan Mehmet V. Resat gestorben sei und Prinz Vahidettin die Nachfolge angetreten habe.“(ebd.S.134) in dieser Zeit herrschte in Istanbul „eine wachsende Spannung wegen Friedensverhandlungen, die in Sevres aufgenommen werden.“ Im Jahr 1919 wurde Izmir von den griechischen Truppen besetzt, die von der britischen Regierung unterstützt wurde. Mustafa Kemal entledigte sich aller militärischen Funktionen, um nur noch als Koordinator der nationalen Gruppen in Anatolien aufzutreten.
Er „landete in das Unruhegebiet Samsun“ und somit begannen die Befreiungskämpfe, die bis1923 andauerten. Die Einigung der Nationale hatte sich weitgehend vollzogen und das „ „Repräsentative Nationalkomitee“ von Erzurum war in das weiter westlich liegende Sivas umgezogen, um dort die vorbereitenden Gespräche für eine neue Regierung in Ankara abzuschließen.“ Nach dem Friedensvertrag von Lausanne, der die „internationalen Garantien für einen neuen unabhängigen und souveränen türkischen Staat versprach, begann „die Geschichte des politischen Alltags, angefangen beim Aufbau der funktionierenden Regierung und eines arbeitenden Parlaments bis hin zum Formulieren von Gesetzen und Reformvorlagen.“ (ebd.S.178) Erst „1928 sollte er das lateinische Alphabet einführen und die Amtsprache des Osmanischen Reichs wurde in einem von Sprachwissenschaftlern begleiteten Prozess durch die türkische Volkssprache abgelöst. Im Jahr 1938 starb Mustafa Kemal Atatürk im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Leberzirrhose.
Dietrich Gronau widmet in seinem „biographischen Portrait“ den Monaten nach Ende des Ersten Weltkriegs und vor Ausbruch des türkischen Befreiungskriegs, der 1923 mit dem Austausch von Teilen der griechischen und türkischen Bevölkerung in Kleinasien endete, ein besonderes Augenmerk. Denn der Zeitpunkt symbolisiert den Übergang Atatürks von der langjährigen theoretischen Beschäftigung mit Fragen der Zukunft der Türkei hin zu ersten konkreten Schritten in Richtung nationaler Freiheit und staatlicher Neubildung.
Einige diese Tatsachen, Erfahrungen, Erlebnisse vom Atatürk, die in seiner Rede (Nutuk) verfasst wurden, werden im Buch häufig erwähnt. Der Autor beruht auch auf andere Argumentationstypen, wie Autoritäten, die man auch als Tagebucheinträge findet. Atatürk sagte während der Reise, er „habe die Frauen […] nicht nur in den Dörfern, sondern auch in kleineren und größeren Städten mit sorgfältig verhüllten Augen und Gesichtern gesehen. Ich denke, dass diese Schleier und Tücher […] zweifellos eine Quelle des Unbehagens und des Unwohlseins für sie sind. […] Die Reise nach Kastamonu, wo er ein […] Panamahut statt einem Fes trug, um zu demonstrieren, dass Schluss sei mit dem Schleier und dem Kopftuch für Frauen[…].“ Die verschleierte Frau im Osmanenreich wird als unmodern und unterdrückt beschrieben und soll von ihrem Schleier befreit werden. Während Mustafa Kemal sich „mit den im europäischen Stil erzogenen Damen unterhielt, entstand so das Idealbild der modernen türkischen Frau […].“ Der Autor fügt diesbezüglich den Eintrag, der sich im Tagebuch des Atatürks findet.
Der Sultan Abdulhamit wird im Buch als Tyrannen beschrieben und Atatürk sei „ ein Gegner der zerstörerischer Gewalt“. Durch einige Beschreibung des Autors ist es klar, dass der Autor eine eindeutige Position vertritt, öfters wird Kemal Atatürk als Held dargestellt. Zusammenfassend kann man sagen, dass Gronau in seiner biografischen Studie auf diese Zwiespältigkeit der Person und des Politikers Atatürk hinweist. Die Biographie ist sehr spannend, lebendig mitreißend und enthusiastisch. Wer einen ersten, gut lesbaren Überblick sucht, wird bei Gronau fündig, der wissenschaftlich interessierte Leser soll zu einem anderen Buch greifen, da dieses unkritische Beschreibungen aufweist.
Gronau, Dietrich: "Wir werden eine Republik": ein Tag im Leben des Kemal Atatürk ; ein biografisches Porträt / Dietrich Gronau. - Freiburg, Br. [u.a.] : Herder, 2009. - 191 S. : Ill.
| 25.01.2012 | E-Mail an die Redaktion |




