Das reflexartige Ändern von Profilbildern und Statusupdates ist mittlerweile eine muslimische condicio sine qua non für politische Weltereignisse. Sei es bei einer kriegerischen Auseinandersetzung im Nahen Osten oder der religiösen Verfolgung wie etwa in Burma. Realpolitische Konsequenzen hat der Upload von digitalen Pixel freilich nicht. Die Attentate von Paris zeigen wie rasch Muslime und Musliminnen gezwungen sind, öffentlich zu reagieren. Journalisten, Politiker und Personen der Öffentlichkeit unterstreichen den Unterschied zwischen der Religion und ihrer militanten Ausprägung, fordern aber im gleichen Atemzug eine bedingungslose Distanzierung und Verurteilung.

Drehen wir die Zeit ein wenig zurück, genauer gesagt in den Sommer 2012. Auf der norwegischen Insel Utoya kommt es zu einem Massaker an mehr als 70 Menschen. Ausgeführt von einem weißen, blondhaarigen Terroristen. Seine Motivation: Eine kriegerische Interpretation der christlichen Religion. Es gibt keinen muslimischen Aufruf sich zu distanzieren oder den Anschlag zu verurteilen. Muslime rufen zu Besonnenheit auf und verweisen auf die Gefahr einer tödlichen Ausprägung einer noch nie dagewesenen Islamfeindlichkeit. Oder drei Jahre zuvor, als Alex W. die Ägypterin Marwa El-Sherbini mit 18 Messerstichen unter islamophoben Gejohle tötete. Auch hier blieben die besagten Aufforderungen aus. Gleiches gilt bei den Morden an Muslimen in Griechenland, dem NSU-Terror in Deutschland oder den hunderten Brandanschlägen auf Moscheen.

Warum soll ich also Charlie oder Ahmed sein? In erster Linie bin ich Mensch. Ein Mensch, der erschüttert ist über die verabscheuungswürdige Tat und den blanken Horror, den die Franzosen die vergangenen Tage durchlebten. Genauso entsetzt bin ich über die 2.000 Nigerianer und 37 Jeminiten, die ebenfalls am 7. Jänner dem Terrorwahn zum Opfer fielen. Wo sind hier die Eilmeldungen, das Vergrößern von Bildern auf den Webseiten, um den blanken Wahnsinn schockierend darzustellen? Nein, was hier passiert ist eine unfassbare Bewertung von Menschenleben. Während es die einen wert sind, dass über sie ohne Atempause berichtet wird, reicht es für andere lediglich für einen 3-Zeiler. Wenn, überhaupt.

Die Anschläge von Paris sind trockenes Stroh für die Brandstifter von PEGIDA, HoGeSa und der English Defence League. Ein Funke reicht und der Hass schlägt wie ein unkontrollierbares Buschfeuer um sich. Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, ob Europa für eine liberale Gesellschaft eintritt oder ob es sich dem massiven öffentlichen Druck hingibt und mit Restriktionen und Diskriminierung antwortet. Und nein, nicht die Muslime stehen in einer Schuld. Dieses völlig schwachsinnige Argument lässt sich einfach entkräften: Die absolute Bevölkerungsmehrheit, egal ob in Deutschland, Österreich oder Frankreich hat keinen persönlichen Kontakt mit Muslimen. Ihr Weltbild und ihre Sicht auf den Islam sind geprägt durch mediale und politische Benebelung. Studien unterstreichen, dass die einzigen Lösungsansätze das Gespräch und das Aufeinander-Zugehen sind. Ein Besuch in der nächsten Moschee ums Eck hilft, die Menschen zu verstehen, die sich tagtäglich damit beschäftigen, dass ihre Religion durch den Dreck gezogen wird.

Hören wir auf mit dieser heuchlerischen Art Menschenleben aufzuwiegen und dort Probleme zu suchen wo keine sind. Und nein, ich bin nicht Charlie und ich bin nicht Ahmed. Ich bin Mensch.