In der österreichisch-muslimischen Community machen derzeit die beiden Hashtags #busenvonhinten und #50ShadesOfAslan ihre Runde. Im Mittelpunkt der Aufregung steht Ednan Aslan, seines Zeichen umstrittener Inhaber des Lehrstuhls für Islamische Religionspädagogik. Dieser stand immer wieder für fragwürdige Aktionen im Rampenlicht. Zuletzt fiel er damit auf, als einer der wenigen Stimmen das Islamgesetz der Regierung voll und ganz zu unterstützen, während muslimische Stimmen, allen voran die Jugend, Rechtswissenschafter, und Kirchenvertreter sich klar gegen das Gesetz stellten.

Aktueller Dreh- und Angelpunkt der Kritik ist ein Projektzwischenbericht, der in den Medien seit Wochen als „Studie“ herumkursiert. Aslan stellt den islamischen Kindergärten – die nicht definiert werden – ein schlechtes Zeugnis aus. Sie wären der Hort für eine Parallelgesellschaft, die die Grundlagen für Radikalisierung bieten würden. Das ist an und für sich kein Novum, hat er doch zuletzt tollkühn im Österreichischen Fernsehen verkündet, alle muslimischen Organisationen in Europa würden die Ziele des sogenannten Islamischen Staates teilen. Einziger Hoffnungsschimmer, so Ednan Aslan, sei die Islamische Theologie in Europa, allen voran sein Lehrstuhl. Zuletzt hat er in dem österreichischen Wochenmagazin Falter Stellung dazu bezogen. Was dieser Tage aber weit mehr Aufmerksamkeit mit sich bringt, ist folgendes Zitat, welches er als Antwort auf die Frage, was der Islam für ihn sei, gab:

„Ich wurde mit bestrafenden Gottesbildern erzogen. Die Distanzierung begann mit dem Studium in Europa. Ich sah, dass Menschen in Freiheit anders denken. Ich kann mich noch erinnern, wie mich eine Studienkollegin von hinten umarmte und ich ihren Busen spürte. Ich dachte, Mensch, was für ein schönes Gefühl! Aber ich habe meine Gefühle verleugnet. Ich durfte mich nicht wohlfühlen, zumindest glaubte ich das. Von diesem Zwang habe ich mich befreit. Heute weiß ich: Ich darf eine Frau anschauen, ich darf das genießen, mitlachen, mittanzen. Ich sage zu Gott: „Du hast mir einiges angetan und jetzt nimmst du einiges zurück!“ Ich kann mit Gott ohne theologischen Zwang kommunizieren und bin ihm nähergekommen.“

Ednan Aslan: Aufarbeitung einer Leidensgeschichte?

In Windeseile folgte ein Sturm der Entrüstung. #busenvonhinten und #50ShadesOfAslan sind nur zwei der vielen Hashtags, die daraus entstanden. Teils untergriffig und spekulativ, was die Vergangenheit Aslans angeht, wurde in den sozialen Medien diskutiert. Dabei gibt die obige Aussage tatsächlich zu bedenken. Kann es sein, fragen sich manche, dass diese Typen der selbstdeklarierten liberalen Muslime, der vielerorts in Erscheinung treten, oftmals im Wesentlichen mit einer Sache beschäftigt sind? Nämlich damit, dass sie ihre eigene Leidensgeschichte aufarbeiten?

Da gäbe es Hamed Abdel Samad, der über den faschistischen Islam schwadroniert, der vielleicht in erster Linie seinen behaupteten sexuellen Missbrauch verarbeitet. Ayaan Hirsi Ali, die in ihrem Kreuzzug gegen den Islam womöglich die traumatischen Erfahrungen einer weiblichen Genitalverstümmelung verarbeitet? Und dann eben Ednan Aslan, der in einem erzkonservativen muslimischen Milieu aufgewachsen zu sein scheint und jetzt seine verkrampften Erfahrungen mit Sexualität verarbeitet?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht mir hier keinesfalls darum, sich über diese Personen und ihre womöglich realen Erfahrungen lächerlich zu machen. Dennoch stellt sich eine fundamentale Frage: Wie kann es sein, dass derart viele selbsthassende Muslime in europäischen Ländern tonangebende Stimmen im Diskurs über den Islam sind? Und was bedeuten die ständigen Rufe nach Reform, wenn sie von dieser Art Menschen kommen, die scheinbar ihre eigene Biographie daran abarbeiten, indem sie die Gesamtheit der Muslime durch ihr (sic!) Feuer der Aufklärung schicken wollen?

Wäre es nicht sinnvoller und würden wir nicht eine weitaus bessere Qualität der Debatten haben, wenn sich hinter diesen Reform- und Aufklärungsdiskursen tatsächlich wissenschaftliche Ansprüche verbergen würden und keine psycho-biographischen Traumata, die Abdel Samad, Ali, Aslan und wie sie sonst noch alle heißen, aufzuarbeiten versuchen? Das wäre eine vermutlich viel schönere Welt.

Ferdinand Lughofer ist freier Publizist