Die arabische Welt liegt seit 1300 Jahren unmittelbar vor den Toren Europas, dennoch weiß man im Allgemeinen weniger von ihr als von manchen untergegangenen Völkern und Kulturen. Meistens ist das wenige auch falsch. Trotz zahlreicher Touristen, die die arabischen Strände eifrig aufsuchen, Minister und Wirtschaftsexperten die zu Bohrturmeignern eilen oder der fortschreitenden Globalisierung.

Das Wissen über die arabischen Völker, ihrer Kultur, ihrer Leistungen und ihrer Beiträge zur abendländischen und Weltkultur beschränkt sich meist auf wenige Stereotype. Das abendländische Bewusstsein für Weltgeschichte findet ihren Ursprung flüchtig im alten Ägypten und Babylon. Den Arabern, die ein Dreivierteljahrtausend das führende Kulturvolk der Erde waren und damit eine doppelt so lange Blütezeit erlebten, wurde kaum eine Anerkennung gewährt.

Unser Alltag ist vollgestellt mit Wörtern, die wir vor langer Zeit aus einer fremden Welt ausgeborgt haben, ohne uns ihrer arabischen Herkunft bewusst zu sein. Wenn wir unsere Küche betreten, den Kühlschrank öffnen, im Supermarkt stehen oder bei H&M einkaufen, begegnen wir ihnen: der Tasse, der Karaffe, dem Kaffee, der Kaffeebohne, dem Zucker, Kandis, dem Spinat, Jacke, Mütze, Matratze oder Sofa. Viele dieser Gegenstände wurden von den Arabern entwickelt, so dass es nicht nur bei der Namensgebung geblieben ist.

Arabisches Abendland?

Auch die leuchtenden Farben von Safrangelb, Orange, Lila bis Karmin oder Karmesin sind Andenken an die arabische Farbenfreude. Selbst den Lack, mit dem wir die Fußleiste oder die Fingernägel lackieren, die Anilinfarben, den Gips, die Gaze, das Talkum und die Watte nennen wir noch mit ihren arabischen Namen. Im verdunkelten Mittelalter belebten arabische Gewürze, Düfte und Hygieneartikel den Alltag.

Doch auch im Reich der Zahlen haben wir den Arabern einiges zu verdanken. Sie legten die Grundsteine für unser heutiges Zahlensystem. Weshalb stolpert jeder Volksschüler bei seinen ersten Gehversuchen in der Mathematik, wenn er sich in der steigenden Ebene der Einer zu bewegen gelernt hat und die erste Anhöhe der Zehner nehmen soll?

Um die Zahl dreiundvierzig auf die Tafel zu schreiben, muss er eine Stelle überspringen, um erst in die folgende die drei zu setzen und sodann die freigebliebene mit der zwei zu füllen. Passt der Schüler in seinem Eifer nicht auf, so kann es passieren, dass er die Zahlen in der Reihenfolge schreibt, wie er sie hört. So kann aus 43 schnell eine 34 werden. Die Gewohnheit die Zahlen von rechts nach links zu lesen, teilen wir mit den Arabern. Oft denkt man nicht über die alltäglichen Gegenstände nach und den langen Handelsweg den diese zurückgelegt haben, bis sie uns erreicht haben.

Adisa Begic