Zigtausende Menschen ziehen jeden Montag in der ostdeutschen Stadt Dresden durch die Straßen. Die Gruppe, die sich selbst als patriotisch und europäisch definiert, vereint ein blinder Hass auf den Islam und alles was damit zu tun hat. Mitte-Rechts Politiker verurteilen die mittlerweile bundesweite Bewegung nur zögerlich. Bundeskanzlerin Merkel ließ sich lange Zeit, bis sie ihre Bürger und Bürgerinnen vehement dazu aufforderte, „denen nicht zu folgen“. Nun kam es unter Applaus von PEGIDA-Anhängern auch zu einem tätlichen Angriff gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Noch ist kein Mensch gestorben, noch brennen „nur“ einige wenige Moscheen.

Blicken wir zurück in den Sommer 2009, genauer gesagt in die Stadt, die derzeit für so viel Aufregung sorgt. Im Landesgericht Dresden wird die 32-jährige schwangere Ägypterin Marwa El-Sherbini während einer Verhandlung wegen islamophober Beleidigung vom Angeklagten mit 18 Messerstichen getötet. Unter den Augen ihres dreijährigen Sohns verblutet die Pharmazeutin mitten im Gerichtssaal. Oder zwei Jahre später der Massemörder Anders Breivik, der nicht nur 77 Menschen tötete, sondern sich als Prophet sieht, der den Kampf der Kulturen beschwört. In seinem Manifest deklariert er sich als Vorkämpfer gegen den Islam. Und heute? Heute marschieren mehr als fünfzehntausend Dresdner, geblendet von einer unfassbar menschenverachtenden Islamophobie, durch die Stadt und rufen „Wir sind das Volks“. Eine perfide Art sich mit den Ostdeutschen kurz vor dem Mauerfall zu vergleichen und ihrer Enttäuschung über die soziale Lage Luft zu verschaffen. CSU-Politiker forderten rasch dazu auf, die Ängste dieser Menschen zu verstehen. Nicht alle, die hier demonstrieren, seien Nazis. Und bestimmt waren auch nicht alle Menschen, die nach dem Anschluss Österreichs, ihrem neuen Führer am Wiener Heldenplatz zujubelten Nazis. Das ist aber nicht der Punkt.

Es geht um eine Propaganda, die in Hass und Gewalt umschlägt. Eine Propaganda, die nicht nur Deutschland sondern ganz Europa vereinnahmt. In Schweden kam es im abgelaufenen Jahr zu 13 Anschlägen auf Moscheeeinrichtungen. In zahlreichen Ländern werden Frauen mit Kopftuch öffentlich beschimpft, bespuckt und tätlich angegriffen. Brandanschläge, Schmierereien und Hate-Crimes bestimmen den Alltag von zahlreichen Muslimen in Europa. Parallelen zur antisemitischen Propaganda der 30iger-Jahre drängen sich auf. Sei es das Propagieren einer islam(ist)ischen Weltverschwörung, verfälschter oder völlig aus dem Zusammenhang gerissener Koranverse, einer angeblichen „Lügenpresse“ und eine politische Salonfähigkeit von islamophoben Stereotypen.

Wenn die Politik nicht aufwacht und rigoros gegen diesen Fanatismus vorgeht, wird PEGIDA zu einer tödlichen Gefahr. Wenn Großparteien und politische Bewegungen im linken Spektrum sich die Themenführerschaft von Rechts-Außen nehmen lassen oder gar deren politisches Programm übernehmen, dann ist eine rote Linie überschritten. Die jahrelange geistige Brandstiftung führt am Ende zu Koranverbrennungen, Moscheeanschlägen und Entmenschlichung von Muslimen, deren Existenzrecht in Europa offen in Frage gestellt wird. Es muss ein demokratischer Urgeist beschworen werden, der die Gleichheit aller Bürger mit allen Mitteln verteidigt. Liberalismus und individuelle Freiheit sind ein hart erfochtenes Gut Europas. Es zu verlieren würde bedeuten, Europa verliert. Und das auf ganzer Linie.