Ein kleiner Einblick in die aktuellen Bücherrezensionen der Redaktion von KISMET Online.

Der Historiker Philipp Hanke arbeitet in „Revolution in Haiti. Vom Sklavenaufstand zur Unabhängigkeit“ eine der historisch bedeutsamsten Revolutionen während der Sklaverei auf. Der Aufstand der Sklaven im heutigen Haiti im Jahre 1291 gilt für ihn als einer der bedeutsamsten, da der einzig erfolgreiche Sklavenaufstand der neueren Geschiche.
Philipp Hanke, Revolution in Haiti. Vom Sklavenaufstand zur Unabhängigkeit, Papy Rossa, 2017.


Alain Demurger zeichnet eine hochinteressante Episode in der Geschichte der Templer nach. In „Die Verfolgung der Templer. Chronik einer Vernichtung“ untersucht der Autor die Jahre 1307-1314, in denen der König Frankreichs, Philipp der Schöne, seinen Vernichtungsschlag gegen die Templer versuchte. Die alleine dem Papst unterstellten Krieger wurden einem Inquisitionsverfahren unterworfen, dem aber weder der Papst folgte, noch die Templer sich ergaben. Im Detail zeichnet er die Stärke der Templer, die gegen Folter standen, nach.
Alain Demurger, Die Verfolgung der Templer. Chronik einer Vernichtung: 1307-1314, C.H. Beck, 2017.

 


In „Mehr Kopf als Tuch“ lässt die Philosophin Amani Abuzhara als Herausgeberin des Sammelbandes muslimische Frauen zu Wort kommen. Jene Gruppe, über die oftmals gesprochen wird und die selbst aber wenig zu Wort kommen. Verschiedene Beiträge von muslimischen Feministinnen und Aktivistinnen aus unterschiedlichsten Bereichen des Lebens wurden hier gesammelt, um über ihr Leben als muslimische Frauen zu sprechen.
Amani Abuzhara (Hg.), Mehr Kopf als Tuch. Muslimische Frauen am Wort, Tyrolia, 2017.


Der legendäre österreichische Kabarettist Michael Niavarani macht aufmerksam auf seine Gedanken zur Menschheit: „Ein Trottel kommt selten allein“ ist das jüngste Werk des gnadenlosen Kritikers, der zum Nachdenken anregt.
Michael Niavarani, Ein Trottel kommt selten allein, Amalthea, 2017.


Die Religionswissenschafterin Ilyse R. Morgenstein Fuerst zeigt in ihrem Werk “Indian Muslim minorities and the 1857 Rebellion. Religion, Rebels, and Jihad“ die Bedeutung dieser Rebellion im 19. Jahrhundert für die Muslime aus dem südasiatischen Subkontinent auf. Dabei beleuchtet sie auch, wie die Rebellion gegen die Kolonialisten, wie sie von Hindus, Sikh und Muslimen erfahren wurde, als Jihad interpretiert wurde und diese Deutungen auch heute noch den Diskurs über den Jihad prägen.
Ilyse R. Morgenstein Fuerst, Indian Muslim minorities and the 1857 Rebellion. Religion, Rebels, and Jihad, I.B. Tauris, 2017.


Ein Herausgebergremium von Siavash Saffari, Roxana Akhbari, Kara Abdolmaleki, Evelyn Hamdon zeigt in ihrem Sammelband “Unsettling Colonial Modernity in Islamicate Contexts” auf, wie “koloniale Modernität” als Teil des kolonialen Projektes europäischer Expansion in den islamischen Kontexten eingeführt wurde und zu einem Othering führte. Dabei untersuchen sie nicht nur jene Länder, die direkt unter kolonialem Einfluss standen, sondern auch jene postkolonialen Gruppen, die sich als Minderheiten heute in Europa finden.
Siavash Saffari, Roxana Akhbari, Kara Abdolmaleki, Evelyn Hamdon (eds.), Unsettling Colonial Modernity in Islamicate Contexts, Cambridge Scholars Publishing, 2017.


Der Historiker Heinrich August Winkler, Autor des berühmten Werkes „Geschichte des Westens“ diskutiert in seinem neuesten Werk „Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ die brennenden Fragen der Zeit. Er versucht dabei Antworten und somit einen Kompass zu geben für die nahe Zukunft und wie auf wichtige Fragen der Gegenwart zu reagieren ist: Von der Wertedebatte zur Frage Europas, der Währungsunion, der Beziehung zwischen Europa und den USA und Brexit.
Heinrich August Winkler, Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika, C. H. Beck, 2017.

 


In “How Long will Israel survive?” beschreibt der Journalist Gregg Carlstrom die für ihn größte Gefahr des Projektes Israel: Die Spaltung der israelischen Gesellschaft. Nicht von außen, sondern von innen würde die größte Gefahr für die Stabilität des Staates Israel ausgehen. Während es früher abseits des Links-Rechts-Schemas einen weitgehenden Minimalkonsens gab, was Zionismus und israelische Identität bedeuten, seien selbst diese zentralen Begriffe sowie die Annahme von Israel als demokratischen jüdischen Staat umstritten. Diese Zerrissenheit des Landes präsentiert auch der aus dem Iran stammende Fotograf Ali Ghandtschi mit seinen Bildern sowie Erzählungen von Juden und Palästinensern über ihr Israel, das einen ganz anderen – sehr persönlichen und oftmals biographischen wie auch künstlerischen – Einblick in den Alltag von Israel bietet.
Gregg Carlstrom, How Long will Israel survive? The threat from within, Hurst, 2017.
Ali Ghandtschi, Mein Israel. Juden und Palästinenser erzählen, Suhrkamp, 2015.

 


Professor für vergleichende Rechtslehre an der Yale Unniversity, James Whitman, legt mit seinem „Hitler’s American model. The United States and the Making of Nazi Race Law“ ein provokant klingendes, aber umso vorsichtiger formuliertes und analytisch überzeugendes Werk vor. Whitman untersucht die Bedeutung der US-amerikanischen Rassengesetzgebung für die Nürnberger Gesetze des Nazi-Regimes. Er zeigt auf, wie viele Historiker und Rechtswissenschafter zuvor diesen Fleck in der Geschichte der Beziehung der beiden Regime zueinander unterschätzt und minder bewertet hatten. Auf Basis von Adolf Hitlers ‚Mein Kampf‘ sowie Protokollen und Schriften von Eugenikern und Rechtswissenschaftern zeigt er aber auf, wie sehr die USA mit ihrer Rassengeestzgebung Vorbildwirkung hatte für manche Aspekte der Nürnberger Gesetze. Whitman geht es nicht darum, Dinge gleichzusetzen, als vielmehr die US-amerikanischen Inspirationsquellen – nicht nur des Südens mit den Jim Crow Gesetzen, sondern auch des Nordens – für die Nürnberger Gesetze aufzuzeigen und wie diese in das Nazi-Regime zurück ‚übersetzt‘ wurden. Ein hervorragendes Werk, das uns die globale Dimension von Rassismus veranschaulicht.

James Whitman, Hitler’s American model. The United States and the Making of Nazi Race Law, Princeton University Press, 2017.

 


Die emeritierte Princeton Professorin Joan Wallach Scott, die für ihre Schriften zur Geschichte von Gender berühmt wurde, liefert mit ihrem neuesten Werk „Sex and Secularism“ erneut ein Werk, das für Aufsehen sorgen wird. Darin hinterfragt sie die Annahme, dass mit dem Säkularismus auch eine Gleichbehandlung der Geschlechter einhergegangen sei. Scott zeigt vielmehr auf, dass Geschlechtergleichheit nicht nur ursprünglich im Gegenteil ganz und gar nicht mit dem Begriff von Säkularismus einhergegangen ist. Sie zeigt zudem auch auf, dass die Ungleichheit der Geschlechter fundamental für die Trennung von Staat und Kirche, die den modernen Staat hervorgebracht hat, war. Westliche Staatengebilde haben im Gegenteil die Unterordnung der Frau festgeschrieben und die Frau in den privaten Raum verfrachtet. Erst mit dem Aufkommen der Frage des Islams Ende des 20. Jahrhunderts wurde Geschlechtergleichheit zu einem wesentlichen Aspekt des Diskurses über Säkularismus. Die Gleichsetzung von Säkularismus und Geschlechtergleichheit jedoch habe zu einer ideologischen Überhöhung weißer, westlicher und christlicher Identität geführt.

Joan Wallach Scott, Sex and Secularism, Princeton University Press, 2018.

 


Der Sozialwissenschaftler Asef Bayat liefert in seinem neuesten Buch „Revolution without Revolutionaries“ nicht nur eine Geschichte des Arabischen Frühlings. Bayat geht weiter und ordnet diese Revolution in eine Geschichte von Protesten und Revolutionen ein. Er analysiert in seinem Werk, welche Bedeutung heute Proteste generell haben und wie wir die Welt nach dem Arabischen Frühling verstehen können.

Asef Bayat, Revolution without Revolutionaries, Making Sense of the Arab Spring, Stanford University Press, 2017.

 


Das mit dem Journalisten Award 2017 ausgezeichnete Buch von Ansgar Grew „Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert“ zeigt, vor welchen Umbrüchen die Welt mit dem neuen Präsidenten der USA steht. Ansgar Grew erklärt in dem Buch nicht nur Trump, sondern Trump durch eine US-amerikanische Brille. Er schildert in einer brillianten Analyse, warum Trump aufsteigen konnte und welchen Anteil Die Obama-Administration daran hatte sowie die geopolitischen Auswirkungen der aktuellen Präsidentschaft.

Ansgar Graw, Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert, Herbig Verlag, 2017.

 


Firas Alkhateebs grandioses Werk ist in Neuauflage erschienen. Alkhateeb, der auch die Wesite www.lostislamichistory.com betreubt, macht eine Tour durch die islamischen Zivilisationen, die Persönlichkeiten und Wissen hervorgebracht hat, die oftmals wenig bekannt sind und daher wenig gewürdigt werden. Ein Muss für alle, die einen Blick auf die Welt über den Tellerrand wagen wollen.

Firas Alkhateeb, Lost Islamicate History. Reclaiming Muslim Civilisation from The Past, Hurst, 2017.

 


Die zwei Politikwissenschaftler an der Brookings Institution, Shadi Hamid und William McCants, liefern mit „Rethinking Political Islam“ eine aktuelle Rezeption des Phänomens des politischen Islams. In dem Sammelband schreiben KennerInnen und AktivistInnen zum Phänomen des politischen Islams. Der erste Teil bietet einen Überblick über Länder durch WissenschaftlerInnen. Der zweite Teil diskutiert das Engagement des politischen Islams und seine Position zu bestimmten Fragestellungen. Im letzten dritten Teil wird der Frage der Bedeutung von Religion, Ideologie und Organisation im politischen Islam nachgegangen. Ein Muss für einen differenzierten Blick auf das breite Phänomen des politischen Islams.

Shadi Hamid & William McCants, Rethinking Political Islam, Oxford University Press, 2017.

 


Ngugi wa Thiong’o ist einer der wichtigsten kenianischen Schriftsteller. Die Essay-Sammlung „Dekolonisierung des Denkens“ aus dem Jahr 1986 erlaubt es, Einblick in sein Denken über den Einfluss des europäischen Kolonialismus auf die Unterdrückung von Sprachen in Afrika zu erhalten. Anhand der Sprachpolitik thematisiert Ngugi wa Thiong’o den Einfluss dieser Zerstörung auf afrikanische Kulturen in einem breiteren Sinne. Sprache erhält damit bei dem Autor die Funktion des Widerstandes gegen die Zerstörung des Kolonialismus.

Ngugi wa Thiong’o, Dekolonisierung des Denkens. Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur, Unrast Verlag, 2017.

 


Der Forscher am Center for Islamic Studies and der Oxford University, Sadek Hamid, zeigt in seinem jüngsten Werk „Sufis, Salafis, and Islamists. The Contested Ground of British Islamic Activism“ die Bedeutung und Relevanz dreier Bewegungen für die religiöse und gesellschaftliche Landschaft in Großbritannien auf. Hamid analysiert anhand mehrerer Fallbeispiele, wie diese unterschiedlichen Bewegungen religiösen Aktivismus prägen, sich transnational solidarisieren und im religiösen Feld versuchen, religiöse Authentizität zu reklamieren, um sich im Wettstreit miteinander zu positionieren.

Sadek Hamid, Sufis, Salafis, and Islamists. The Contested Ground of British Islamic Activism, I.B. Tauris, 2016.

 


Die australische Wissenschaftlerin Nahid Afrose Kabir zeigt in ihrer neuesten Publikation „Muslim Americans. Debating the notions of American and un-American” breit angelegten qualitative Studie auf, was es für US´-amerikanische Muslime bedeutet, (un-)amerikanische zu sein. Mithife von Interviews in sieben Bundesstaaten sowie Analyse von Medienproduktionen geht sie der Frage nach, was US-amerikanische Bedeutung heute nach dem 11. September 2001 für MuslimInnen bedeutet. Eine hervorragende Studie über jene Menschen, über die oft gesprochen wird und die selbst wenig zu Wort kommen.

Nahid Afrose Kabir, Muslim Americans. Debating the notions of American and un-American, Routledge, 2017.

 


Mit „Im Namen der Flagge. Die Macht politischer Symbole“ bringt der Bestseller-Autor und Journalist Tim Marshall erneut ein Meisterwerk hervor. Marshall geht davon aus, dass Flaggen Hoffnungen und Träume symbolisieren. Das unterhaltsam und auch scharfsinnig analysierend geschriebene Werk zeigt, wie sehr die Flagge unser Leben prägt, wenn sie geweht wird, verbrannt wird, weht, unter ihr marschiert wird, etc.

Tim Marshall, Im Namen der Flagge. Die Macht politischer Symbole, DTV, 2017.

 


Als „großer literarischer Journalismus“ ist Carsten Stormers Werk gepriesen worden. Und tatsächlich liefert uns der Journalist eine interessante Perspektive auf den Krieg in Syrien. Als reisender Journalist, der von 2012 bis 2016 regelmäßig Syrien besuchte, gibt uns Stormer Einblick in die Sichtweise der Betroffenen vom Krieg. In „Die Schafften des Morgenlandes. Die Gewalt im Nahen Osten und warum wie uns einmischen müssen“ verfasst er ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit.

Carsten Stormer, Die Schafften des Morgenlandes. Die Gewalt im Nahen Osten und warum wie uns einmischen müssen, Lübbe, 2017.