Auch dieses Jahr wurde der Europäische Islamophobiebericht herausgegeben. 39 WissenschaftlerInnen aus 33 Ländern zeigen auf fast 850 Seiten auf, wie es um den anti-muslimischen Rassismus in Europa steht. Die beiden Herausgeber, die Politikwissenschaftler Enes Bayrakli von der Deutsch-Türkischen Universität und Farid Hafez von der Universität Salzburg und der Georgetown University, präsentieren bereits zum vierten Mal diesen Bericht, von denen manche wie jener über Deutschland, Frankreich oder Österreich auch in den jeweiligen Landessprachen abrufbar ist.

Der von SETA getragene und von der Europäischen Union finanzierte Bericht will politischen VerantwortungsträgerInnen in Europa sowie anti-rassistischen Einrichtungen helfen, das Thema des anti-muslimischen Rassismus auf die politische Agenda zu bringen.

Mehrheit meldet Vorfälle nicht

Die Daten von Organisationen, die Übergriffe auf MuslimInnen dokumentieren, legen auch nahe, dass dieses Phänomen einer genaueren Beobachtung bedarf, wobei diese Daten niemals das Gesamtausmaß abbilden. So zeigte etwa zuvor die Grundrechteagentur der EU auf, dass nur 12 % der MuslimInnen Übergriffe melden. In Österreich verzeichnete die Dokumentationsstelle Muslime in ihrem Bericht für 2018 einen Anstieg von rund 74% der dokumentierten antimuslimischen rassistischen Handlungen.

In Frankreich verzeichnete das Collectif contre l’islamophobie en France einen Anstieg von 52%. Im Vereinigten Königreich verzeichneten die staatlichen Stellen 2017-18 einen Anstieg der religions-spezifischen Fälle um erstaunliche 40% (doppelt so viel wie 2015/16).

Fälle von Vandalismus, die sich gegen Kultstätten richteten, verzeichneten im gleichen Zeitraum ebenfalls einen deutlichen Anstieg (50%). In den Niederlanden gaben die Antidiskriminierungsbehörden (ADVs) bekannt, dass 91% von insgesamt 151 der Polizei gemeldeten Vorfälle religiöser Diskriminierung mit MuslimInnen im Zusammenhang stehen. Die Antidiskriminierungsagenturen erhielten 304 Berichte über religiöse Diskriminierung, von denen zwei Drittel gegen MuslimInnen gerichtet waren.

Übergriffe gegen Frauen, vor allem mit Kopftuch

Frauen machen die Mehrheit der Opfer von Islamophobie aus, vor allem wenn sie ein Kopftuch tragen. So stellt beispielsweise das Collectif contre l’islamophobie en France (CCIF) fest, dass 70% der Opfer islamophober Handlungen in Frankreich Frauen sind. Die Angriffe auf muslimische Frauen reichen von verbalen Aggressionen, Verweigerung des Zugangs zu Dienstleistungen, Zwangsentfernung des Kopftuchs bis hin zu versuchten Vergewaltigungen und körperlichen Angriffen.

Anti-muslimischer Rassismus ist nicht nur eine Bedrohung für die auf dem europäischen Kontinent ansässigen muslimischen Gemeinschaften, sondern auch für die Sicherheit und Stabilität der europäischen Staaten. Islamfeindliche Terroranschläge zeigen, inwieweit der in rechtsextremen und nationalistischen Kreisen geförderte antimuslimische Rassismus eine konkrete Gefahr für die Menschenrechte, die nationale Sicherheit und das europäische Modell des Zusammenlebens darstellt.

Dramatische Beispiele von Angriffen aus ganz Europa

Im Jahr 2018 führten direkte Angriffe auf MuslimInnen zu Todesfällen und schweren Verletzungen. In Italien zum Beispiel erschoss ein Mann einen senegalesischen Straßenverkäufer, Idy Diene (54), ein bekanntes Mitglied seiner örtlichen Moschee in Florenz.

In Griechenland griffen Rechtsextreme afghanische Flüchtlinge, einschließlich Frauen und Kinder, an, die sich auf dem zentralen Platz von Lesbos versammelten und gegen die Verzögerung bei der Beschaffung ihrer Asylkarten protestierten. Während des Angriffs wurden rassistische Slogans wie „burn them all“ vernommen. Insgesamt wurden bei diesem Angriff 28 Menschen verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert. In Finnland griffen drei finnische Jugendliche einen pakistanischen Migranten in Vantaa brutal an, stachen ihn 20-30 Mal und verwundeten ihn wiederholt mit einer Axt, die unter anderem eine Schädelfraktur verursachte.

Im Vereinigten Königreich fuhren drei junge Männer mit einem gestohlenen Fahrzeug absichtlich in Fußgänger, die in das Al-Majlis Al-Hussain Islamische Zentrum (Cricklewood, London) gingen und verletzten dabei drei Gläubige. In Frankreich planten oder forderten mehrere Gruppen die Planung von Terroranschlägen gegen muslimische Menschen, wie die AFO (Action of Operational Forces), die im Sommer 2018 Hunderte von Imamen, muslimische Frauen und Moscheen physisch angreifen sollte.