Susanne Billig, Die Karte des Piri Re’is, C.H.Beck 2017, ISBN 978-3406713514 303 Seiten, EUR 18,95

Billigs Abhandlung erweckt den Eindruck, die erst kürzlich aktuell gewordene Debatte über die Karte des osmanischen Admirals Piri Re’is und eine etwaige präkolumbianische Entdeckung der Neuen Welt durch Muslime zu behandeln. Sie ist jedoch viel mehr als das.

Es ist der Versuch, fern jeglicher politischer Polemik, einen Überblick über das wissenschaftliche Lebenswerk des erst vor Kurzem verstorbenen prominenten Orientalisten und Wissenschaftshistorikers Fuat Sezgins einerseits in Bezug auf die Wissenschaftsgeschichte der arabisch-islamischen Kultur allgemein, andererseits in Bezug auf deren Entwicklungsstand in Astronomie, Geografie und Nautik im Besonderen zu geben.

Auf die für ihre Zeit ungewöhnlich präzise Karte selbst geht sie erst zum Schluss ein und zeigt anhand historischer Quellverweise und Vergleiche zu anderen Karten aus derselben Zeit eine bis heute wenig bekannte Herkunfts- und Bearbeitungsgeschichte der Karte.

Ihre Vorlage scheint offenbar auch Columbus selbst für seine Reisen genützt zu haben, ihr Ursprung hingegen ist für Sezgin zweifellos im arabisch-islamischen Kulturraum zu verorten. Schwerpunkt des Buches ist aber definitiv auf einer weit hypothetischeren Frage, nämlich der, nach den wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen, um erstens überhaupt zu den verschiedenen Teilen der Neuen Welt zu gelangen und zweitens um sie bis zum Jahr 1513, auf das die Karte des Piri Re’is datiert wird, im von der Karte gegebenen Ausmaß und ihrer Präzision anzufertigen.

Sezgins Schlüsse diesbezüglich sind kontrovers, insbesondere weil seine darin geäußerten Theorien im Unterschied zu vielen ähnlichen Vorläufern auf solider wissenschaftlicher Methodik stehen, und haben das Potential, für einen nachhaltigen Paradigmenwechsel im globalen Geschichtsbild zu sorgen.

Cla Reto Famos, René Pahud de Mortanges, Burim Ramaj, Konfessionelle Grabfelder auf öffentlichen Friedhöfen – Historische Entwicklung und aktuelle Rechtslage, Schulthess 2016, ISBN 978-3725575114, 125 Seiten, EUR 117,00

Die wissenschaftliche Abhandlung von Famos, de Mortanges und Ramaj gibt einen grundlegenden Überblick über die historische Entwicklung der Rechtslage zu konfessionellen Friedhöfen in der Schweiz, wie auch eine hervorragende Zusammenfassung und Kommentierung aller relevanten kantonalen Bestimmungen.

Neben vielen historischen Aspekten zur Bedeutung von Friedhöfen von der Zeit der Römer bis zur Moderne zeigen Sie nachvollziehbar auf, wie im Zuge des Kulturkampfes Forderungen nach einer Säkularisierung des Rechts allgemein und des Eherechts im Besonderen auch die Forderung nach einer Säkularisierung des Friedhofswesens einherging.

Dabei zeigen sie unter anderem anhand eines Vergleiches auf, wie diese nicht nur zu einer Entkirchlichung desselben führte sondern auch zu einer Vereinheitlichung unter staatlicher Ägide, die jedoch vor allem religiöse Minderheiten, wie Juden, besonders traf, da für ihre speziellen Bedürfnisse kein Platz war, während es in den letzten Jahrzehnten aufgrund der Zunahme von muslimischen Bürgern zu Rechtsänderungen kam, die es ermöglichten, auf spezielle (durchaus mit denen der Juden vergleichbare) Bedürfnisse, vor allem zeitlich unbefristete Gräber, von Muslimen einzugehen.

Die Autoren zeigen u.a. auf, wie sich diese Rechtslage beispielsweise im Kanton Zürich als Reaktion auf ungenügenden Bestimmungen in der neuen Bundesverfassung aus 2000 und einer abweisenden Entscheidung des Bundesgerichtes aus 1999 nur zögerlich etablierte. Aus ihren Ausführungen wird jedoch auch offensichtlich, dass alte Benachteiligungen von Juden in der Gegenwart zur Rechtfertigung von Benachteiligungen gegenüber Muslimen herangezogen werden, was sich einer allgemeinen Tendenz über die Schweiz hinaus entspricht.

Mit der Abhandlung ist den Autoren ein nützliches und auch für Laien nachvollziehbares Einstiegsbuch in die Thematik gelungen. Dass die Schlüsse, zu denen sie teilweise kommen, unbefriedigend wirken, ist nicht den Autoren anzulasten, zeigt aber, dass es zur Frage des konfessionellen Friedhofswesens in der Eidgenossenschaft noch einige ungelöste Fragen gibt. Somit stellt die Arbeit eine gute Grundlage für zukünftige vertiefende Arbeiten dar.    

Petra Bleisch, Gelebte und erzählte Scharia in der Schweiz – Empirische Studien zur Aneignung religiöser Normen durch zum Islam konvertierte Frauen, ISBN 978-3725575015 271 Seiten, EUR 117,00

Bleischs Arbeit, welche einen Teil ihrer Dissertation darstellt, befasst sich nicht vorrangig mit dem, was die Islamischen Wissenschaften unter „Scharia“, sondern damit was Schweizer Konvertitinnen zum Islam darunter verstehen und wie sie diese für sich als Individuen konstruieren, replizieren und anwenden. Damit ist Bleischs Arbeit jedoch von allgemeinerer Bedeutung, indem sie von der Frage nachgeht, was Islam für Muslime ist und wie sich dieser, seine Lehren und Inhalte bei ihnen konstituieren.

Welche Rolle spielt dabei das Umfeld (u.a. islamische Vereine), welche Gelehrte, welche verfügbare Literatur und welche das jeweilige Individuum? All diese Fragen, auf welche Bleisch eingeht, ordnen sich wie um einen roten Faden um die Frage der religiösen Legitimation und Autorität im Islam, womit sich ihre Arbeit in eine Reihe von aktuellen innermuslimischen aber auch gesellschaftlichen Diskursen einfügt.

Die gewählte Gruppe ist diesbezüglich umso interessanter, als die Autorin darauf hinweist, dass Konvertiten, im Unterscheid zu anderen Muslimen, in der Regel nicht Quellen für ihre Religiosität am Beispiel ihrer Familie haben, womit die jeweilige Methodik der Aneignung islamischer Normen wesentlich für die Identitätsbildung ist.

Bleisch leistet damit einen Beitrag für einen im deutschsprachigen Bereich immer noch ungenügend erschlossenen Bereich, indem sie die praktische Konstituierung von islamischen Überzeugungen systematisiert, klassifiziert und auf Schemata von Allgemeingültigkeit hinweist.    

 

Ludger Müller, Das kirchliche Ehenichtigkeitsverfahren – Nach der Reform von 2015, Ferdinand Schöningh 2017, ISBN 978-3-506-78597-8, 110 Seiten, EUR 24,90

Müller geht in seinem Ergänzungsband zum Lehrbuch Kanonisches Recht von Aymans/Mörsdorf/Müller auf die (katholisch-)kirchenrechtlichen Neuerungen ein, welche durch die Neuordnung des kirchlichen Ehenichtigkeitsverfahrens 2015 erfolgt sind. 2015 hatte nämlich Papst Franziskus durch das Motu Proprio „Mitis Iudex Dominus Iesus“ (für den Codex Iuris Canonici) und das Motu Proprio „Mitis et misericors Iesus“ (erst Sommer 2016 in veröffentlicht) das Verfahren für sowohl den lateinischen Ritus wie auch die katholischen orientalischen Kirchen neu geregelt, wenn auch Müller richtigerweise darauf hinweist, dass die Promulgation erst Mitte 2016 erfolgte, was jedoch nicht unüblich ist.

Müller gibt in seinem Abriss einen umfassenden Überblick sowohl über grundlegende Begriffe des Ehenichtigkeitsverfahrens, legt im Einzelnen die chronologischen Verfahrensschritte dar und setzt sie regelmäßig in Bezug zur alten Rechtslage und den Grundsätzen des 2. Vatikanums. Dabei weist er unter anderem auf die Möglichkeit der Führung des Ehenichtigkeitsprozesses durch irgendeinen Geistlichen (auch einen Diakon) und zwei Laien hin, was insofern eine Abweichung von der Lehre des 2. Vatikanums von der Einheit der kirchlichen Gewalt darstellt.

Unter anderem behandelt er neue Vereinfachungen, wie die des gerichtlichen Dokumentenverfahrens bei genügend moralischer Gewissheit – was mitunter zu einer Verschiebung der Wichtigkeit auf das Vorverfahren zur Folge hat – aber auch die Möglichkeit der Führung eines Kurzverfahrens bei Einvernehmlichkeit aufseiten der beiden Betroffenen. Zuletzt gibt der Autor durch eine direkte tabellarische Gegenüberstellung der einschlägigen Bestimmungen in alter und neuer Fassung, im lateinischen Original wie auch in deutscher Übersetzung eine anschauliche Zusammenfassung der wesentlichen Änderungen.

Müllers Abhandlung zeichnet sich durch Detailtreue und Praktikabilität aus, wie auch gute Verständlichkeit, sodass man das Buch durchaus auch Laien und Anfängern empfehlen kann.

Ahmed Akgündüz, Islamic Public Law (Documents on Practice from the Ottoman Archives), IUR Press 2011, ISBN 978-90-817264-3-6, 733 Seiten, EUR 45,00

Bücher zu öffentlich-rechtlichen Fragen islamischen Rechts sind, wenn auch immer noch selten, keine völlige Neuheit. Was Akgündüzs Buch insofern hervorhebt, ist seine zeitliche Beschränkung auf die osmanische Periode und seine Fundierung auf Archivdokumenten aus der osmanischen Zeit zu Verwaltungspraxis, Rechtsprechung wie auch internationalen Beziehungen.

Dabei geht er vor allem am Anfang auf Grundkonzepte islamischen Rechts ein, setzt aber vom Leser im Wesentlichen Grundkenntnisse der allgemeinen Disziplinen voraus. Die Bandbreite der Themen, mit denen sich das Buch befasst, reichen dabei von verfassungsrechtlichen Fragen, über verfahrensrechtliche bis hin zu völkerrechtlichen. Dem ist der Umstand geschuldet, dass man an manchen Stellen recht interessante Details zu Rechtspraktiken etwas zu kurz kommen.

Dafür ist das Buch vermutlich aber auch nicht gedacht, für Detailaspekte sind die Verweise zur Primärliteratur da. Etwas für eine wissenschaftliche Arbeit störend, wenn auch verständlich, wirkt die Tendenz des Autors, immer wieder auf Vorbehalte und Vorurteile in Europa bzw. dem Westen zum Islam zu replizieren, was stellenweise den Eindruck erweckt, als hätte das Buch Antwortcharakter im Hinblick auf tagespolitische Debatten im Westen.

Dies bestimmte offensichtlich mitunter die Themenauswahl. Nichtsdestotrotz bietet Islamic Public Law einen ungewohnt praxisnahen Zugang zum islamischen öffentlichen Recht des Osmanischen Reiches, der für am Thema interessierte mit dem Buch eine solide Ausgangsgrundlage für vertiefende Forschungen haben.   

 

Michael Stolleis (Hg.), Konflikt und Koexistenz. Die Rechtsordnungen Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert – Band I: Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Vittorio Klostermann 2015, ISBN 978-3-465-04246-4, 935 Seiten, EUR 179,00

Kernthema des Sammelbandes (bzw. beider aufeinander folgender Bände), das ein Ergebnis des Clusters The Formation of normative orders des Max-Planck-Instituts ist, ist der Gedanke der Rechtsrezeption am Beispiel Südosteuropas. Die zentrale alle Artikel einigende Frage, mit der sich die Autoren beschäftigen, ist, woher die Staaten Südosteuropas im Zuge er Umwälzungen von Reformen bis zur staatlichen Unabhängigkeit das rechtliche Substrat ihrer Rechtsordnungen bezogen haben.

Ausgehend vom Ursprung des Rezeptionsbegriffes im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation anhand der „Lotharischen Legende“ der Inkraftsetzung Römischen Rechts für das Reich, zeigen die Autoren verschiedene Rezeptionsentwicklungen von den nach Ende des Krimkrieges einsetzenden Kodifizierungs-, Verfassungsgebungsreformen im Osmanischen Reich auf, über britischen Common-Law-Einfluss auf den Ionischen Inseln, französische Einflüsse im Zuge der Kodifizierung eines griechischen Handelsrechts bis zur Wiedererweckung byzantinischer Rechtstraditionen beispielsweise am Beispiel strafrechtlicher Reformen in Rumänien Mitte des 19. Jahrhunderts.

Dabei zeigen die Autoren implizit, manche auch explizit, dass Rechtsrezeption stets mit Machtverhältnissen zusammenhängt, sei es auf der Basis unmittelbarer Kolonisation oder auf Grundlage wirtschaftlicher Dominanz. Auch die sukzessive Hinwendung Bulgariens und Rumäniens hin zum auf orthodoxen-kanonischen und byzantinischen Recht beruhenden Rechtstraditionen statt unmittelbar zur Rechtsordnung ihrer Schutzmacht Russland scheint diese These zu unterstützen, da Russland in der betreffenden Zeit durchaus mit dem Anspruch des Nachfolgers Byzanz aufgetreten ist.

 

Thomas Simon (Hrsg.), Konflikt und Koexistenz. Die Rechtsordnungen Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert – Band II: Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Vittorio Klostermann 2017, ISBN 978-3-465-04310-2, 629 Seiten, EUR 109,00

Der zweite Band der Reihe zur Rechtsrezeption im Südosteuropa vor allem des 19. Jahrhunderts widmet sich den drei Ländern Serbien, Bosnien-Herzegowina und Albanien zu, wobei der Schwerpunkt auf den ersten beiden liegt.

Die Beiträge umfassen u.a. eine Beschreibung der Weiteranwendung islamischen Rechts im 1878 okkupierten Bosnien und Herzegowina 1878 (inkl. Hinweisen auf zeitgenössische Positionierungen islamischer Würdenträger und einem Überblick über die wesentlichsten osmanischen Rechtssammlungen und -kodifikationen), wie auch eine Abhandlung über den Konstituierungsprozess der österreichungarischen Landesverwaltung und Justiz parallel zur bestehenden konfessionellen Gerichtsbarkeit.

Eine Abhandlung über den Prozess der Unabhängigwerdung und Verfassungsgebung Serbiens zeigt hingegen auf, wie das Interesse Österreich-Ungarns und Russlands an Serbien die Rechtsrezeption in Serbien nicht nur politisch sondern auch zivilrechtlich geprägt hat, womit im Grunde auch die Ursprünge des modernen Dilemmas seiner Beziehungen zur EU und Russland benannt werden.

Wesentlicher Schluss, zu dem alle Autoren auf eine oder andere Weise kommen, ist, dass neben politischen Umwälzungen vor allem auch der sprachliche, fachliche wie auch ständische Hintergrund der Beamtenschaft prägend für die Entwicklung der Rechtsrezeption in Ländern eines politischen wie rechtlichen Neubeginnes war.