David Motadel, Islam and Nazi Germany’s War, Harvard University Press 2014, 490 Seiten, EUR 27,99

Motadels Gesamtüberblick über die Instrumentalisierung von Muslimen seitens der Nazis im Zweiten Weltkrieg hält was er verspricht. Sprich, er gibt – insbesondere auch angesichts der heutigen islamophoben Tendenzen in Europa – einen nüchternen und wissenschaftlichen Überblick über diese Beziehung.

Dabei zeigt Motadel vor allem eines auf, nämlich dass die Motive der Nazis und der mit diesen zusammenarbeitenden Muslime nicht primär auf ideologischen sondern auf vielfältigen politischen Gesichtspunkten beruhten und diesbezüglich daher kaum allgemeingültige Aussagen gemacht werden können. Insbesondere zeigt Motadel auf, dass die Vorstellungen der Nazis und der für den Krieg gegen die Alliierten zu gewinnenden Muslime durchaus auseinandergingen.

Damit erteilt Motadel sowohl den neuen Islamophoben, welche Muslime als ideologische Alliierte der Nazis portraitieren wollen, wie auch jenen, die in Naivität oder Verdrängung jegliche Beziehung zwischen Muslimen und Nazis leugnen, eine Absage.

Armin Andergassen, Schulrecht 2017/18, Manz, Wien 2017, 316 Seiten, EUR 36,00

Was das Lehrbuch zu Schulrecht auszeichnet ist seine Praxisnähe. Sehr anschaulich stellt der Autor das Fachgebiet dar, indem er sich dabei regelmäßig praktischer Beispiele zur plastischeren Darstellung bedient. Insofern ist das Buch vor allem aber nicht nur für Juristen brauchbar. Jedoch ist die Arbeit mit dem Buch nicht ohne die jeweiligen Normtexte möglich, da der Autor auf Zitierung der Texte der Rechtsgrundlagen verzichtet. Für alle die sich mit dem Schulwesen beschäftigen und sich an die Änderungen durch die Bildungsreform 2017 einstellen müssen, ist das Buch daher wärmstens zu empfehlen.

Maja Sticker, Sondermodell Österreich? Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Drava Verlag 2008, 169 Seiten, EUR 24,80

Die Stärken sind zugleich auch die Schwächen des Buches. Es will viel auf einmal, vielleicht zu viel. Zugute halten muss man der Autorin, dass sie eine umfassende Arbeit geschaffen hat, welche einen breiten Überblick über die Geschichte, die Stellung und vor allem die Arbeit der IGGÖ geben will.

olche sind zwar selten, jedoch gibt es mehrere Texte mit sehr ähnlicher thematischer Zielsetzung, sodass die Arbeit über weite Strecken wenig Neues zutage bringt. Als Ausnahme kann man jedoch nennen, dass die Autorin einen tieferen Blick auf die Verfassung der IGGÖ und ihre Umsetzung wirft, wozu es bis heute nur wenig Literatur gibt.

Florian Jenal, Religiöser Frieden durch strafrechtliche Zensur? Warum Art. 261 StGB aufgegeben werden sollte, Schulthess 2017, 74 Seiten, CHF 58,00

Jenals Arbeit geht auf die in den letzten Jahren wieder aktuell diskutierte Problematik des strafrechtlichen Schutzes religiöser Gefühle am konkreten Fall der Rechtslage in der Schweiz ein. Dabei kommt er zu ähnlichen Schlussfolgerungen, wie die Fachkollegen in Deutschland und Österreich, nämlich, dass die Rechtfertigung für einen Blasphemieparagraphen heute fraglich ist.

Stellenweise wird er jedoch polemisch und lässt sich zu Schlussfolgerungen verleiten, die an seiner Sachlichkeit zweifeln lassen. Mehr wiegt wohl aber, dass er rechtfertigenden Deutungen von Religionsschmähung z.B. anhand allgemeiner gesellschaftlicher Kontexte jede Menge Raum gibt, hingegen mit keinem Wort auf Kontext einer zunehmend feindseligeren Stimmung gegenüber auch von Herabwürdigung religiöser Lehren betroffenen Religionsangehörigen eingeht.

Hans Michael Heinig, Die Verfassung der Religion, Mohr Siebeck 2014, 463 Seiten, EUR 39,00

Kern und Ausgangspunkt von Heinigs Buch ist – neben einer Vielzahl von verschiedenen religionsverfassungsrechtlichen Themen, die er berührt – die im Gange befindliche „Neuvermessung“ des Verhältnisses von Staat und Religionsgemeinschaften in Deutschland, vor allem vor dem Hintergrund einer zunehmenden religiösen Vielfalt.

Dabei nimmt er eine Reihe von daraus resultierenden politischen wie rechtlichen Tendenzen wahr, allem voran die sich immer mehr herausbildenden Systemoptionen einer Hierarchisierung bzw. einer hierarchischen Einbindung von Religionsgemeinschaften in das staatliche Verfassungsgefüge auf der einen und einer Verallgemeinerung auf individualrechtlicher Ebene, die aber beide die Definition der Religionsfreiheit zunehmend in die Sphäre des Staates unabhängig vom Selbstverständnis der betreffenden Religionsgemeinschaft verlagern.

Im Sinne ersterer Option vernimmt er insbesondere die mitunter gegen neue religiöse Minderheiten gerichtete Tendenz, den beiden „Volkskirchen“ eine Sonderstellung aufgrund eines tatsächlichen oder angeblichen wesentlichen Beitrages ihrerseits zur Werte- und Rechtsordnung Deutschlands. Am Beispiel des Protestantismus erörtert er infolge dessen Beitrag zur deutschen Verfassung und dessen Verständnis der Menschenwürde.

Dabei gibt er den Vertretern, welche die Menschenrechte im Christentum begründet sehen, im Ansatz recht, aber nur insofern, als er diese in Religion allgemein verankert sieht, nicht aber in ausschließlich einer bestimmten Konfession. In Konsequenz geht Heinig in Theorie wie auch anhand praktischer Beispiel auf sein Verständnis von Religionsfreiheit ein. Mit diesem Buch ist ihm, trotz Selbständigkeit und Geschlossenheit der einzelnen Beiträge ein in sich schlüssiger und zusammehängender Überblick über religionsverfassungsrechtliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wie aktuelle Fragestellungen gelungen.

Joseph J. Kaminski, The Contemporary Islamic Governed State: A Reconceptualization, Palgrave Macmillan 2017, 331 Seiten, EUR 109,99

„The Contemporary Islamic Governed State“ greift definitiv ein heißes Eisen an – und ein unter Muslimen vernachlässigtes. Kaminski, der sich der mittlerweile vorherrschenden Begriffsleere der Synthese „Islam“ und „Politik“ bewusst ist, stellt einerseits die Frage, ob es angesichts vieler sich als islamisch bezeichnender Staaten, Parteien und sonstiger politischer Gebilde überhaupt eine kohärente islamische politische Theorie gibt (und geben kann) und überprüft dies einerseits über eine historische politisch-philosophische Gesamtschau islamischen politischen Denkens andererseits durch case studies zu einigen muslimischen Ländern.

Dabei wendet er zum einen sozialwissenschaftliche Methoden an. Zum anderen setzt er eine im Übrigen ausgesprochen umfassenden Zusammenfassung des bisherigen Diskurses zur islamischen politischen Theorie konsequent in Bezug zu westlichen politisch-philosophischen Größen, von Aristoteles bis zu moderneren wie Esposito, zeigt zahlreiche Parallelen wie auch Unterschiede auf. Dabei begibt sich Kaminski u.a. auf das naturgemäß schwierige Terrain der Ontologie und versucht insbesondere das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft im islamischen Denken auszuloten, sprich die Frage der Grundrechte.

In vielerlei Hinsicht bekommt man bei seinem Werk den Eindruck, ein geistiger Nachfolger von Davutoglus „Alternative Paradigms“ zu sein, auch wenn Kaminski einem konkreteren Themenfeld nachgeht und auch den Versuch macht, einige theoretische Konzepte in der Praxis zu überprüfen. Hervorhebenswert erscheint uns Kaminskis Feststellung, dass die islamische Gelehrsamkeit in Zeiten der Prosperität der Welt thematisch zugewandter und methodisch offener (insbesondere gegenüber verschiedenen Meinungen) war, während sie in Zeiten des Niederganges zunehmend methodisch rigider wurde und sich auf rituelle Fragen versteifte (womit er auch auf die Notwendigkeit einer zunehmenden Diversifizierung des innermuslimischen politischen Diskurses aufmerksam macht).

Was er leider auch nicht beantwortet, wenn man dies überhaupt beantworten kann, ist, was in beiden Fällen zuerst da war, auch wenn er den Prozess anhand einer Reihe von methodisch relativ gegensätzlichen Gelehrten und Schulen darlegt. Summa summarum ist Kaminskis Buch thematisch sehr weit gefasst, indem er von grundlegenden rechtsphilosophischen Fragen bis zu konkreteren Aspekten der Wirtschaftspolitik muslimischer Länder eingeht. Das mag unter Umständen wie ein Schwachpunkt wirken, liegt aber vor allem am relativ hohen Kenntnisstand des bisherigen Diskurses, den er beim Leser voraussetzt. Daher definitiv kein Einsteigerbuch zur Thematik, aber dafür umso wertvoller, wenn man mit ihr bereits vertraut ist.